Boulez, der Freund

Ansprache aus Anlass der Verleihung des Wilhelm-Pitz-Preises 2001 an Herrn Professor Dr. h. c. mult. Pierre Boulez am 18. August 2001 im Chor-Saal des Festspielhauses Bayreuth

Ein Rückblick

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Boulez,
sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

„Euch macht ihr’s leicht, mir macht ihr’s schwer, gebt ihr mir Armen zu viel Ehr‘!“

Prof. Dr. Pierre Boulez Diese Worte, gesungen von Hans Sachs, aus dem 3. Aufzug „Die Meistersinger von Nürnberg“, schossen mir durch den Kopf, als mich Herr Meuschel fragte, ob ich aus Anlass der Verleihung des Wilhelm-Pitz-Preises 2001 an Herrn Prof. Dr. Boulez, einige Worte an Sie richten würde.

Meine Erinnerungen gingen zurück bis ins Jahr 1966, als ich im Sommer Stipendiat des Richard Wagner Verbandes war.

Damals dirigierten Sie, sehr geehrter Herr Boulez, den „Parsifal“ in der Inszenierung von Wieland Wagner.

Wieland Wagner hatte drei Monate vor der Bayreuther Premiere mit Ihnen, Herr Boulez, als Dirigent, in Frankfurt „Wozzeck“ von Alban Berg herausgebracht. Die Premiere war am 20. April 1966.

Drei Monate nach dem Dirigat in Frankfurt, am 25. Juli 1966, dirigierten Sie, Herr Boulez, zum ersten Mal den „Parsifal“ in Bayreuth.

Die Kundry wurde gesungen von Astrid Varnay, die 1988 den Wilhelm-Pitz-Preis erhielt.
Den Gurnemanz sang Josef Greindl, der 1986 den Wilhelm-Pitz-Preis erhielt.
Den Parsifal sang Sandor Konya; Amfortas war Eberhard Wächter.
Die fünfte Vorstellung „Parsifal“ war am 21. August 1966.

Zwei Monate später, am 21. Oktober 1966, waren Sie, sehr geehrter Herr Boulez, wieder in Bayreuth. Der Anlass Ihres Besuches war ein sehr trauriger. An dem Tag fand im Festspielhaus auf der Hauptbühne die Trauerfeier für den verstorbenen Wieland Wagner statt. Vor dem abgesenkten Eisernen Vorhang stand der helle Eichensarg Wieland Wagners. Davor die Totenmaske. Die Trauerfeier begann mit dem Vorspiel zum Bühnenweihfestspiel „Parsifal“, das von Ihnen dirigiert wurde. Am Ende der Trauerfeier sang der Festspielchor mit dem Orchester der Bayreuther Festspiele unter dem Dirigat von Herrn Wilhelm Pitz den Schlusschor aus der Matthäus Passion von Johann Sebastian Bach „Wir setzen uns mit Tränen nieder.“ Bei der Trauerfeier war ich selber anwesend.

Wieland Wagner versprach sich viel von dieser ersten Zusammenarbeit mit dem „ungewöhnlichen“ Boulez. Einer der erklärten Aufrührer gegen Traditionen.

Zu diesem Zeitpunkt waren Sie bereits ständiger Mitwirkender der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik – ab 1952 – sowie der Donaueschinger Musiktage – ab 1959 -.

Aber nochmals zurück zum „Parsifal“ im Sommer 1966:

Der „Neue Klang“.

Die akustische Entrümpelung fand statt, als Pierre Boulez am Hügel erschien.

Ich möchte Ihnen zwei Gedanken Wieland Wagner’s mitteilen:

„Die Parsifal-Partitur ist die ideale Partitur für den Bayreuther Klangdeckel, weil diese Partitur für mich die Revision der übermäßig stark ausgeprägten Ring-Partitur ist.“

Wieland Wagner wollte nach der sog. szenischen Revolution den „Neuen Klang“.

„Was hilft es, auf der Bühne neue Wege zu gehen, wenn aus dem Geist des vorherigen Jahrhunderts heraus musiziert wird?“

Dies sind Gedanken Wieland Wagner’s.

Nach diesem Festspielsommer 1966 dirigierten Sie, Herr Boulez, bei einem Gastspiel der Bayreuther Festspiele in Japan „Tristan und Isolde“.

Dann kam das Jahr 1970. Ich durfte auf Einladung von Herrn Pitz im Bayreuther Festspielchor mitsingen. Der “Parsifal” wurde wieder von Ihnen, sehr geehrter Herr Boulez, dirigiert. Bei der ersten Probe mit dem Orchester war ich erstaunt, dass der Maestro keinen Taktstock benutzte. Alle Suggestion ging aus den Fingern seiner sprechenden Hände. Man spürte sofort, dass Sie eigene bestimmte Ideen hatten, wie man Wagner aufzuführen habe. Ein klarer Bruch zu jener Tradition der Aufführungen von Hans Knappertsbusch. Ein Beispiel dazu sind die sehr unterschiedlichen Spielzeiten der einzelnen Aufzüge.

Knappertsbusch:
1. Akt: 1,56 Std.
2. Akt: 1,10 Std.
3. Akt: 1,13 Std.

Boulez:
1. Akt: 1,38 Std.
2. Akt: 0,59 Std.
3. Akt: 1,06 Std.

Arturo Toscanini benötigte für den ersten Aufzug 2 Std. 6 Min.

Ich habe mich anhand von Tonträgern informiert, dass Sie, lieber Herr Boulez, keinen Strich gemacht haben im 1. Akt und keine Noten weggelassen haben.

Sie dirigierten den „Parsifal“ in Bayreuth siebzehn Mal.

Beim internationalen Jugend-Festspieltreffen 1970, dessen Leiter und Initiator Herbert Barth war (zu diesem Zeitpunkt war er Leiter des Pressebüros der Bayreuther Festspiele), dirigierten Sie, sehr geehrter Herr Boulez, „Les Noces“ von Igor Strawinsky in der Stadthalle von Bayreuth mit jungen Sängern und Musikern dieses Festspieltreffens, für die es ein großes Erlebnis war, unter Ihrer anregenden Leitung musizieren zu dürfen.

Im Sommer 1976 gab es den sog. Jahrhundert-Ring – es müsste heißen „Ring-Neuinszenierung aus Anlass der hundertjährigen Wiederkehr der Uraufführung“ – hier im Festspielhaus, sonst könnte man schnell zu dem Schluss kommen, dass der Ring 2000, der von Herrn Flimm in Szene gesetzt wurde und von Maestro Sinopoli musikalisch geleitet wurde, der Jahrtausend-Ring sei.

Ob der Ring Boulez/Chéreau der Jahrhundert-Ring wird, entscheiden kommende Generationen.

Herr Boulez war vom Festspielleiter, Herrn Wolfgang Wagner, gebeten worden, die musikalische Leitung zu übernehmen und Herr Boulez hatte den jungen unbekannten französischen Regisseur Patrice Chéreau und Herrn Wagner zusammengebracht.

Der Dirigent auf der Suche nach dem Regisseur.

Ich saß bei den Generalproben im Zuschauerraum und sah überrascht und erstaunt, wie zum Ende des Vorspiels „Das Rheingold“ die Götter nicht in Walhall einzogen, sondern puppenähnliche Gebilde an einer Wäscheleine hochgezogen wurden.

In der Oper „Die Walküre“ gab es noch dieses sehr schwer bespielbare Bergmassiv, das wenig Spielfläche für die agierenden Sänger zur Verfügung hatte.

Es gehörte im zweiten Jahr zu den Veränderungen.

Im November 1976 durfte ich zum ersten Mal den Siegfried in „Götterdämmerung“ am Staatstheater Saarbrücken singen.

Eine Woche später erhielt ich von Herrn Wolfgang Wagner eine Einladung zum Vorsingen nach Bayreuth.

Mitte Dezember 1976 sang ich Herrn und Frau Wagner im Festspielhaus vor.

Nach dem Vorsingen sagten Sie mir, Herr Wagner, wir sollten uns am dritten Weihnachtstag, also am 27. Dezember, in Baden-Baden mit Herrn Boulez treffen.
Ich hatte mächtig Lampenfieber, was sich noch steigerte als ich erfuhr, dass ich im Hans Rosbaud-Saal vorsingen musste.

Dieser Saal ist benannt nach dem bekannten und bedeutenden Dirigenten des Orchesters des Südwestfunks.

Nach dem Vorsingen sagten Sie mir, sehr geehrter, lieber Herr Boulez, dass Sie sich freuen, mich im Sommer in Bayreuth wieder zu sehen.

Im April waren schon die Proben mit Patrice Chéreau.

Im Juni kamen die Kollegen dazu, sowie der musikalische Mitarbeiter von Herrn Boulez, Jeffrey Tate, der ja bereits aus dem Vorjahr die Vorstellungen des Dirigenten kannte.

Wenn Sie, Herr Boulez, keine Orchesterproben hatten und zu den szenischen Proben kamen, wurde ausgesungen, weil beim Markieren und Andeuten oft ein anderes Tempo entsteht und die Deklamation (Textverständlichkeit) nicht sonderlich gut ist.

Nach zwei Festspielzeiten Siegfried in der „Götterdämmerung“ gab es ein kurzes Gespräch mit Herrn Wagner, Herrn Boulez und mir, wo man mir mitteilte, dass ich im folgenden Jahr auch den Siegfried in „Siegfried“ singen soll und dass man plane, mich für die Fernseh-Aufzeichnungen dieser beiden Opern als Siegfried einzusetzen.

Pierre Boulez ist eine musikalische Universalbegabung, Komponist, Theoretiker und Dirigent.

Die Persönlichkeit von Pierre Boulez, die so viel Polemik ausgelöst hat, hat ihren Grund in der Größe seiner musikalischen Begabung.

  • Ein analytischer Ansatz
  • Das zielstrebige aufdecken von Strukturen
  • Die Suche nach dem perfekten Klang

„Es gibt in der Frage der Interpretation keine Wahrheit“, lautet eine seiner Maximen.

Spitzenorchester fürchten den Präzisionsfanatiker, weil er unerbittlich ist und verehren ihn genau aus diesem Grunde.

Die Reaktionen auf die „Ring-Premiere 1976“ stellten alles bisher Erlebte in den Schatten. Begeisterungsstürme und Protestaktionen tobten sich aus. Das Publikum verfeindete sich bis zur Handgreiflichkeit. Vereine „für“ und „gegen“ Chéreau und Boulez wurden gegründet. Denken Sie nur an die Trillerpfeifen im „Siegfried“ 2. Akt.

Ein Auszug aus dem Bayreuther Tagesblatt von Erich Rappl, einem Kritiker aus dem Jahre 1977:

„Musikalisch stand die Premiere der Götterdämmerung nicht unter dem gleichen günstigen Stern wie das Vorangegangene. Ein böser Schmiss, der Ridderbusch während der Mannen-Szene passierte, konnte nicht sofort aufgefangen und repariert werden. Die unmittelbare Folge des Schreckens war eine spürbare Nervosität aller, die Herr Boulez offensichtlich mit breiten Tempi zu dämpfen versuchte. Norbert Balatsch’s Mannen-Chor erwies sich da als eine stabile Säule und bewahrte mit imposant gesteigerter Stimmkraft eherne Standfestigkeit. Dass auch Pierre Boulez starke Nerven hat, zeigte dann der 3. Akt, der insbesondere mit der spannungsvoll musizierten Trauermusik und dem ruhigen breiten Ausklang alles wieder ins Lot brachte.“

Erschien im ersten Jahr Wolfgang Wagner‘s Mut zum Risiko bei der Verpflichtung des französischen Teams bewundernswert, so siegte seine Hartnäckigkeit im Bemühen, diesen Ring beim Publikum und bei den Medien durchzusetzen.

Der Erfolg war mehr als nur Bestätigung seiner Intentionen.

Beim erscheinen der Schallplatte wurde sie mit den Aufnahmen von Furtwängler, Karajan und Solti auf eine Ebene gestellt, ja sogar musikalisch teilweise darüber.

Von Jahr zu Jahr wuchs die Zahl der Bewunderer.

Die Reihen der Gegner lichteten sich.

Aus den „feindlichen Lagern“ kamen Überläufer und die letzte Aufführung 1980 endete in einem Schlussapplaus von 85 Minuten und 101 Vorhängen.

Der Musikreformer Pierre Boulez hat fünf Jahre unbeirrt weitergearbeitet, obwohl seinem Dirigat die Anerkennung lange versagt blieb.

Vom Endergebnis waren auch routinierte Zweifler hingerissen:

  • Von der flüssigen Erzählweise des Orchesters
  • Von der Transparenz der Motiv-Verpflechtungen
  • Von der liebevoll auf die Sänger eingehende Detailarbeit
  • Von den tausend ungeahnten und bisher überhörten Schönheiten und natürlich von der Verwirklichung einer meist vergeblich ersehnten Einheit, dem wahrhaften Liebesverhältnis zwischen Szene und Musik.

Wilhelm Furtwängler schrieb einmal, dass in den Opern Richard Wagner’s das Wort und der Ton eine Liebesgemeinschaft eingehen müssen, wie zwei Flüsse, die zu einem reißenden Strom werden.

Geistige Größe ohne pathetische Hohltönerei, Rausch einer Geistesverwirrung.

Die dramatische Aufgipfelung auf dem Fundament impressionistischer Klangbilder gaben Wagner neue Konturen.

1980 saß Wotan bei der letzten Aufführung der Götterdämmerung im Parkett und wurde vom Publikum mit Applaus empfangen.

Donald Mc Intyre, der vorher drei Abende lang auf der Bühne den Speer gehalten hatte, kam zum Schluss – und Höhepunkt als Besucher.

Dies war eines der unzähligen kleinen Signale dafür, welches Maß an gegenseitigem Interesse das Team dieses Projektes inspiriert und zum letztlich kaum noch beschreibbaren Erfolg geführt hat.

Möglich war diese Steigerung nur durch ein Zusammenspiel aller Kräfte, deren geistiger Mentor Sie, Herr Boulez, waren.

  • 1976: 4 x kompl. Ring + 1 Siegfried = 17 x
  • 1977: 3 x + 1 Rheingold = 13 x
  • 1978: 3 x + 1 Götterdrg. = 13 x
  • 1979: 3 x = 12 x
  • 1980: 3 x + 1 Walküre = 13 x

Das sind zusammen 68 Vorstellungen „Der Ring des Nibelungen“, die Sie, Herr Boulez, in Bayreuth dirigiert haben.

Lassen Sie mich noch etwas sehr persönliches sagen!

Am Ende der Festspielzeit 1977 sandten Sie mir, sehr geehrter, lieber Herr Boulez, einen Brief, in dem Sie mir ganz besonders für meinen Beitrag zum diesjährigen „Ring“ dankten.

Die Anrede war: “Lieber Herr Jung”
Zum Abschluss: “Mit herzlichen Grüßen”

Im zweiten Jahr erhielt ich einen ähnlichen Brief.

Im dritten Jahr mit der Fernseh-Aufzeichnung „Götterdämmerung“ war die

Anrede: “Lieber Manfred”
Und am Ende: “Mit bestem Dank und herzlichen Grüßen, Ihr Pierre Boulez“

Nach der Fernseh-Aufnahme 1980 „Siegfried“ teilten Sie mir, sehr geehrter, lieber Herr Boulez, mit:

„Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie glücklich ich über das Resultat bin und wie schön und reibungslos die Arbeit mit Ihnen war. Ich danke Ihnen für alles. Mit sehr herzlichen Grüßen, Ihr Pierre Boulez“

Was sagt das? Warum gebe ich hier so ganz persönliche Dinge preis? Es wurde viel über den großen Künstler Pierre Boulez gesprochen. In der Oper „Die Zauberflöte“ gibt es am Anfang des 2. Aktes eine Dialog-Szene vor der Arie des Sarastro mit dem Chor: O Isis und Osiris. Sarastro wird von dem Sprecher und zwei Priestern nach Tamino dem Königssohn befragt.

Frage: Er besitzt Tugend?
Antwort: Tugend

Frage: Auch Verschwiegenheit?
Antwort: Verschwiegenheit

Frage: Ist wohltätig?
Antwort: Wohltätig

Frage: Wird Tamino die harten Prüfungen bekämpfen? Er ist Prinz.
Antwort: Noch mehr – er ist Mensch!